Tischlein deck dich
So-Jin Kim in der Weststadt. 8. Nov. 18.30
Lesser Rechtsanwälte, Rheinstr. 41

Sobald man die Klappe aufmacht, gehen die Gedanken flöten.
Vielen machts nichts aus, sie reden einfach drauflos. Zum Beispiel über Kunst. Andre zieren sich, wie ich.
Ich hab mir lieber Notizen gemacht.
Also: Tafelkunst. Essen auf Tellern. Bilder von Speisen auf Tellern.
Get – together heißt die Ausstellung.

Man muss auch mal über den eigenen Tellerand hinaussehen.
Was sieht man da?
In diesem Fall – ein Stück Heimat
Essen ist immer auch Heimat
Diese Suppe schmeckt wie früher – in der Heimat
Diese Suppe ist Heimat
In diesem Fall ist über dem Tellerrand ein Stück Mallorca
Das Stück Mallorca ist gegessen – der Rest ist Erinnerung
Ein Stück Heimat
So-Jin Kim und ihr Mann wohnten einige Jahre auf Mallorca
Das ist nun gegessen – und gemalt
Ein Stück Mallorca – wie abgebissen
Eine Geschmackserinnerung.
Wie die meisten Tellerbilder hier. Geschmackserinnerungen aus Korea. Heimat der Malerin. Die Koreaner denken den ganzen Tag nur ans Essen in Korea. Und sie, die Malerin, denkt an Korea, wenn sie das Essen in Korea malt. In Öl.

Wer arbeitet, der soll essen
Wer nicht arbeitet, der soll speisen
Wer aber gar nichts tut, der soll tafeln

Als ob das so einfach wäre. Wie geht tafeln? Tafeln geht nicht ohne Kunst. Tafelkunst. Ist die sachgerechte Handhabe von Messer und Gabel gemeint oder was?

Im Hintergrund erklingt jetzt auch noch die Tafelmusik. Da wird Bach aufgespielt, Telemann, Mozart, Rossini … Lully. Jean Baptiste Lully, Sohn eines Müllers aus Florenz, Geigenvirtuose, Komponist und Kammerdiener der Prinzessin von Orléans, 17. Jahrhundert. Von ihm stammt das auf kleinster Flamme gegarte Omelette Lully mit rohem Schinken und Käse. Während der Zubereitung (da bei kleinster Flamme – ein langwieriger Prozess) dirigierte er
das Küchenorchester Ludwig XIV in Versailles. Als einmal das Omelett nicht so geriet, wie er sich das vorgestellt hatte, rammte er seinen Dirigierstab (müssen Sie sich vorstellen wie bei Militärkapellen) so unglücklich zu Boden, dass er seinen Fuß traf, der durchbohrt wurde, sich entzündete und Lully drei Tage darauf den Tod brachte. Das ist Leidenschaft.

Zur Tafelkunst gehören Tischgespräche. Galten die früher dem neuesten Klatsch aus Film, Literatur und Gesellschaft, konzentrieren sie sich heute eher auf Kochkunst, Verfeinerungen des sinnlichen Vergnügens am Essen und Neuerungen in der Restaurant-Szene. Wie z.B. das in Gold getunkte Kotelett, das sich der Fussballer Franck Ribéry servieren ließ und das mit über 1000 Euro auf der Rechnung aufgelistet wurde.

Tafelkunst! Immer schon eine Herausforderung auch für den Maler, sei es aus Hunger oder Übermut, etwa die Spargeln von Manet oder die mit Speisen bedeckte Nackte, mit der Dali die Kunstwelt noch schockieren konnte.
In der Gegenwart waren es vor allem die Schweizer Dieter Rot und Daniel Spoerri, die ihre Esslust in Malerei auflösten. (Dieter Rot hatten wir mal hier in der Kunsthalle…zwischen Glasscheiben gepresste Lebensmittel und Ausscheidungen – es war heftig, und Spoerri betrieb in Düsseldorf ein kleines Restaurant, in dem es gegrillte Heuschrecken, Termiten und Ameisen gab: lecker!)
Außer So-Jin Kim kenne ich keine Malerinnen der Gegenwart, die sich mit der Darstellung von Essen auf Tellern beschäftigen. Ich habe den Eindruck, das hat die Fotografie erledigt. In keinem Zeitalter, wie dem unseren, wird so viel Essen auf Tellern fotografiert. Wir finden die Fotos, die über unserm Essen schweben, an der Wand, an der Decke, in jeder Döner Bude oder im Löwenbräu. Die illustrierten Zeitschriften zeigen ganzseitig die neuesten Erfindungen der Köche, krümelartige Gemüsehäufchen, gestylte Fleischhäppchen, insgesamt kleine Portionen, die auf dem großen Teller wie verloren aussehen, würden sie nicht von einem schwungvollen Spritzer brauner Soße zusammengehalten. Food design, ein neuer Beruf, der es der Malkunst schwer macht, da mitzuhalten.
Das Schlaraffenland sah anders aus. Es war uns ja im Buch Mose als Gelobtes Land, in dem Milch und Honig fließen, prophezeit. Peter Breughel hat es 1567 gemalt, dass es uns heute noch graust. Gebratene Vögel fliegen einem ins Maul, gesottene Fische greift man sich aus dem Bach, aus umherlaufenden Schweinen schneidet man sich mit den im Rücken steckenden Messern die besten Stücke heraus. Auch das gesamte Umfeld ist ess- und trinkbar, Wein strömt aus Brunnen, die Zäune sind aus Würsten. Ermattet liegen die vollgefressenen Besucher dieses Horrors im Gras. Es ist nicht sicher, ob sie das Große Fressen überleben werden.
Das Schlaraffenland als Todessymbol. Wer sich durchgefressen hat, läßt auch sein Leben zurück.

Ein ähnlich schauerliches Bild vom Ende des Menschen hat So-Jin Kim geschaffen – die schwebenden Teller, Teller ohne Speisen. Alle Speisen sind gegessen, es ist nichts mehr da, also auch kein Leben, das weitergehen könnte. Wenn die Teller leer bleiben, hört das Leben auf. Im Bild von So-Jin Kim heben die Teller ab ins planetarische System – kein Leben mehr, nur ein unendliches Kreisen.
Die Teller symbolisieren das Leben ihrer Benutzer. Der Teller ist ein individualistisches Gebilde, er zeigt an, dass er Empfänger für nur eine Person ist. Die Rundform markiert dies; die Kreislinie ist die abschließendste, ihren Inhalt am entschiedensten in sich konzentrierend. Der Teller symbolisiert die Ordnung, die dem Bedürfnis des Einzelnen gibt, was ihm als Teil des gegliederten Ganzen – Familie, Gesellschaft – zukommt. Bleibt der Teller leer, ist das Leben vorbei.

Also So-Jin Kim, die koreanische Malerin aus Baden-Baden mit ihren Variationen zur alten Weisheit: Das Auge isst mit, und ihre Teller-Variationen zu einer Leidenschaft, die den Magen zum Kapellmeister erhöht, der das Orchester der Leidenschaften dirigiert, Essen, Lieben, Singen, Verdauen als die vier Akte einer komischen Oper, die wir Leben nennen.
Get-together nennt So-Jin Kim ihre Ausstellung. Das ist ja auch kein Problem, wenn aufgetischt ist, wenn die Teller gefüllt sind, strömen die Menschen zusammen, Familie, Freunde, Arbeitskollegen.
(ein trauriges Bild verhinderten Get-togethers haben wir oben, ein einsamer Tisch, vornehm gedeckt, gedämpftes Licht, nichts auf dem Teller und keine Tischgenossen.)

Der Mensch ist, was er isst. So-Jin Kim ist eine zierliche Dame, ich bin ein grobknochiger Europäer, mein Bauch hat schon Übergröße.
Sie ist mit Kimchi und Fisch groß geworden, ich mit Kartoffeln und Brei aus Getreide. Das alles hat Auswirkungen bis in die Beschaffenheit der Häuser und z.B. des Automobilbaus. Der mit Getreide, Kartoffeln und Wurst gemästete Europäer kommt nur noch im SUV voran.

So-Jin Kim ist am Meer aufgewachsen. Und sie hat eine Liebe zu Kraken, kleinen, die sich gut in der Pfanne ausnehmen, und großen, eher zähen, die erst stundenlang gegen Felsgestein geschleudert werden müssen, um sie genießbar zu machen.
So-Jin malt sie mit großen Köpfen und großen Augen, wie Kinderköpfe, die ihre Arme nach einer Mutter ausstrecken.

Es herrscht zumeist eine strenge Ordnung in den Bildern. Alles ist fein aufgelistet, kein Durcheinander, kein Pichelsteiner Topf oder Leipziger Allerlei. Es ist wie das Alphabet ihrer Kindheit: Tag für Tag ein Stück Heimat auf dem Teller. Häufig liegt Kimchi dabei, die Nationalspeise in Korea, das ist Saures aus Kohl, sie essen das da täglich, weil es auch so gesund sein soll. Vergleichbar den Sauerkrautvariationen der Polen und Russen – Kapusta. Wenn ein Koreaner – eine Koreanerin auf Reisen geht, haben sie immer ein Glas ihrer persönlichen Kimchi-Mischung dabei.

Das gilt nicht für So-Jin Kim, sie hat Zeichenpapier dabei, Blei- und Buntstifte, und sie hält fest, was ihr serviert wird: Alles was auf den Teller kommt, wird gemalt.
Das kann dann auch mal ein bratfertiges Huhn mit Schweizer Herkunftsfähnchen sein. Gruß aus der neuen Heimat. Auch in der Schweiz haben So-Jin Kim und ihr Mann und ihre Tochter Maria jahrelang gelebt. Von Maria gibt es in einem der Zimmer hier oben ein hübsches Portrait inmitten einer mit Sahne getrüffelten Torte.

Mir gefallen nicht nur die Bilder, auch der Ort, an dem sie ausgestellt sind. Immerhin war hier früher der Wienerwald, der erste Wienerwald weit und breit, muss man sagen. Fritz Jahn, der Erfinder und Betreiber des Wienerwalds, betrieb bald danach eine Kette seines Hühner-Imperiums weltweit, sogar in Wien gabs Wienerwald. Eine irre Erfolgsgeschichte. Jahn war auch einer der Pioniere, der seine viertel, halben oder ganzen Hühnergerichte mit Kartoffelsalat oder Pommes Frites, abbilden ließ und seinen Speisenkarten einverleibte.
Im ehemaligen Wienerwald ist heute eine Begegnungstätte, in der in Konflikt geratene Parteien sich einer friedlichen Auseinandersetzung mit Hilfe professioneller Friedensstifter stellen: Get-together.
Der Malerin sei Dank und ein guter Erfolg beschieden

Auf den ersten Blick sehen die Bilder ganz einfach aus. Sie sind was sie sind: Ein säuberlich gemaltes Festmal, ein paar runde Punkte, vertikal gepinselte Hunde mit Schatten an der Leine, Tanz und Farbenfreude, kein illusionistischer Zuckerschmelz, aber ein Wunschgericht auf Landschaftsteller.

Beim zweiten Blick merken wir, dass sie mit viel Brimborium auftreten. Vielleicht malt uns So-Jin Kim Beschwörungsformeln der Vorfreude.

Uns erwartet nichts alltägliches. So regelmässig hergerichtete Platten sind ein Präludium zum Exzess. Bei der Ordnung der Gaben, wird die folgende Unordnung nichts zu Wünschen übrig lassen.

Die idealisierte Aufsicht von den Tischen zeigt uns, dass er in loser Folge mit Rotationssymmetrien gedeckt ist. Hier und da zirkuliert ein Arrangement in sich, das Gedeck vis-a-vis ist gewendet, gespiegelt, aber eben so, dass der Fluss der Bewegung sich nicht aufhebt sondern scheinbar in Drehung gerät.

Immer neue Resonanzachsen entdecken wir in ihren Tafelbildern und geraten darüber selber in Oszillation und in deren Oberfläche hinein.

Tanzende Paare im Ballsaal, die sich kreisend zu neuen Einheiten gegenüber treten, vereint herumwirbeln, verschmelzen und mehr werden als nur sie selbst, bis der ganze Tisch, das ganze Bild, zur Runde wird.

Mit großem Tam-Tam trommeln zwei beinahe gespiegelte Musikanten zum Reigen.

Die koreanische Löwenmaske tritt auf. In rituellen Darbietungen vereint und überhöht sie zwei Akteure. Hier springen sie gemeinsam von Bild zu Bild, von einer kecken Geste in die nächste, lückenhafte Zahnreihen fletschend, immer auf einen Lacher erpicht, den Witz, welcher die Furcht lächerlich macht.

Die großen Löwen sind längst aus den gemässigten Zonen verschwunden, aber vergessen sind sie noch lange nicht. Wir erzählen uns gerne von dem gefährlichen Monster und zähmen es am Tor zu steinernen Wächtern.

Unser Vorteil war nicht die Sprungkraft und auch die gewaltigen Zähne hielten dem Vergleich nicht stand. Uns hatte die Liebe gelehrt, die eigene Körpersymmetrie mit unserm Gegenüber zu synchronisieren. Dergestalt konnten wir der Bestie in die Augen sehen, konnten ihren nächsten Schlag ahnen, weil wir so sein konnte wie sie. Daher rührt diese kribbelnde Lust an der Wiederholung und am Spiegelspiel. Je wilder das Tier desto maßloser war auch der Ruhm den der gewitzte Sieger davontrug. Wer solchen Löwen die Stirn bot, hatte einen Grund zu feiern.

Diese Bilder versuchen etwas Unmögliches. Mit ihren Leinwänden will So-Jin Kim Musik und Tanz, Genuss und feierliche Verwirrungen aus dem Fluss schöpfen. Wie Wasserpflanzen die sich parallel und selbstvergessen in der unsichtbaren Strömung wiegen, sollen sie auf dem Gewebe haften bleiben und nicht wieder davon rinnen – sollen dort bleiben, weiche Ölfarbe im Netz der Malerei – schön und immer wiederholt, alle für das eine Mal und ein für allemal.

Der Versuch gelingt nur weil er nicht gelingen kann.

Simon Pasieka

Essen Sie alles?

Die Bilder von So-Jin Kim sind, wenn ich es aus meiner Sicht als einfacher Europäer sehe, sehr asiatisch, spezifischer: sehr koreanisch. Das aber sieht man erst, wenn man Korea etwas kennt.

Korea ist ein Land mit viel Lust zur klaren Farbe. Es gibt keine Färbchen und Tönchen, sondern Farben. Als hätten die Koreaner zu den drei Primärtönen, nochmal 3 dazu erfunden.

Die Palette von So-Jin Kim ist so arrangiert wie die endlosen blinkenden elektronischen Werbetafeln in Myeong-Dong in Seoul. Die Übersicht zu behalten versteht die Künstlerin dabei gut, die Nachbarschaft der einzelnen Farbtupfer ergibt immer neue Kombinationen, weit mehr, als die französische Palette des 18. Jahrhunderts mit all ihren Pastelltönen hergegeben hätte.

Der europäische Maler heute mischt in jede Farbe etwas Weiß, und oft etwas Schwarz. So wie man beim Kochen immer Salz und etwas Zucker dazugibt. Daraus ergibt sich der Grauschleier, der diese Bilder zusammenhält.

So-Jin Kim kommt ohne aus.

Steht man in ihrem Atelier, ist man beeindruckt von den vielen unterschiedlichen Formaten, die auf dem Boden stehen. Einiges fertig, einiges nicht. Man fährt die Oberflächen mit dem Auge ab, und es stellt sich eben dieser Myeong-Dong Effekt ein. Genau wie in jenem wunderbaren Einkaufsviertel erfährt man auch hier im Atelier Genusslust, Freude am Sehen. Hereinspaziert! Hier gibt’s was Besonderes.

Die Themen von So-Jin Kim haben freilich nichts zu tun mit den Shopping-Gängen in eleganten Einkaufsstraßen. Ihre Themen haben nichts mit Konsum zu tun.

Sie handeln von Leben, Landschaft, Natur, Essen, Reisen, dem Aufnehmen aller fremden Eindrücke und deren Bewältigung und Verarbeitung in unendlichen Variationen von Bildern und Malerei.

Ihr Leben ist so bunt und vielfältig, weil sie reist, seit 13 Jahren auf Achse ist, in 100 Ländern, in hundert Häusern lebte, und in jedem Haus andere Bilder malte. Sie hat in Deutschland lange gelebt, dann in der Schweiz, in Spanien, war oft in Italien und Frankreich.

Nehmen wir einmal die Erfahrung des Essens. In der ganzen Welt identifizieren sich die Menschen mit ihren Speisen, landeseigenen Essenserfindungen, und Geschmacksrichtungen. Der Italiener liebt frische Pasta, der Spanier Kaninchen, der Franzose Huhn in Wein, und der Amerikaner träumt vom saftigen Stück Fleisch. Die Koreaner träumen von den 1000 und einer Schale, die auf dem Tisch stehen, gefüllt mit 1001 verschiedenen Speisen.

Mehr als durch das heimatliche Gefühl, mehr als durch die Gene werden wir soziologisch bestimmt durch die Dinge, die wir essen. Und überhaupt erfährt man eine fremde Kultur nur, wenn man die Dinge isst, die dort gegessen werden. Essen Sie Austern? Essen Sie Yams? Trinken Sie Ziegenmilch? Mögen Sie Schildkröte?

Es verhält sich ähnlich mit der Landschaft. Wie oft beobachten Sie, dass die Menschen genauso reden, wie ihre Landschaft aussieht. Erst indem wir diese Landschaft begehen und an ihr schnuppern, verstehen wir alles andere, was sich darin bewegt.

Man versteht die Malerei der Renaissance, wenn man die Toscana sieht; man begreift die, wie die Impressionisten, wenn man sich in Frankreich zur Mittagszeit neben einem Bach zu einem Picknick niederlässt, und die duftenden Wiesen einatmet; man sieht den wattigen Horizont von van Goyen, wenn man am holländischen Meer steht.

Der Künstler ist prädestiniert all diese Dinge zu erfahren, wenn er den Mut hat. Er kann sie verarbeiten, und daraus Schlüsse ziehen, oder einfacher: Bilder malen.

Bilder, durch die wir intellektuell erfassen können, was das Menschsein ausmacht.

Genau diesen Mut hat So-Jin Kim bewiesen und malt uns Bilder, mit denen wir die Welt ein bisschen besser verstehen können.

Johannes Hüppi

Möglicherweise, meine Damen und Herren, müsste jetzt doch der Gourmet ran, die maultüchtige Feinschmeckerjury, die ihre Kochmützen oder gelben Sterne hier im Restaurant Haus der Modernen Kunst in Staufen-Grunern gleich portionenweise an Küche und Service zu vergeben hätte. Mit So-Jin Kim hat Manfred Kluckert eine Gastköchin engagiert, wie sie anmutiger schon lange nicht mehr am Herd stand. Und wenn man Dirk Sommer zum Team rechnet, der sich nicht zuletzt als Freizeitsommelier bei Kennern einen guten Namen gemacht hat, dann kann der Abend hier in der Ballrechter Strasse nur eine gastronomische Erfüllung werden.

Klar, werden Sie jetzt sagen, dafür sind wir aber nicht gekommen, und überhaupt, was der Müller wieder redet. Andererseits, was soll man tun, wenn man schon beim Bilderschauen Lust bekommt, sich an den Tisch zu setzen, den die Malerin So-Jin Kim so einladend gedeckt hat. Es geht auf ihren neuen Bildern derart delikat und verführerisch zu, dass man auch auf den Warnruf hin „Achtung, alles nur Farbe auf Leinwand” dem Beisszwang nur schwer widerstehen kann. Kommt hinzu, dass der Tisch mit exotischem Charme gedeckt ist, dass alles sehr fein und köstlich und kalorienbewusst aussieht, dass eben kein deutscher Schweinebauch über den Schüsselrand hängt, und kein geruchsstarker Döner die malerische Ordnung versaut. Man würde wohl, wenn man beim Kim‘schen „Abendmahl“ eingeladen wäre, überaus behutsam speisen, sehr gepflegt, würde sich kaum getrauen, die Stäbchen zwischen die Finger zu klemmen – nur um die Anmache des Bildes nicht zu zerstören, das vor einem ausgebreitet ist.

Nun hat solcherart appetitliche Malerei ja ihre lange Vorgeschichte. Schon aus der Antike sind bedenkenswerte Anekdoten überliefert, in denen Bilder mit unwiderstehlichem Beiss- bzw. Pickzwang eine gewisse Rolle gespielt haben. So soll es eine Schar Vögel gewesen sein, die der griechische Maler Zeuxis mit seinen naturgetreu und völlig erntereif gemalten Trauben genarrt haben will. Die Vögel seien begierig angeflogen gekommen, so erzählt jedenfalls Plinius die Geschichte, und der Maler habe sich kaputt gelacht, wie es seiner perfekten Täuschung gelungen ist, dass den depperten Tieren das Wasser im Schnabel zusammenlief.

Natürlich könnte es auch ganz anders gewesen sein. Es könnten nämlich auch die Vögel gewesen sein, die einen Riesenspass daran hatten, den Maler glauben zu lassen, sie seien so deppert und hätten nicht gemerkt, dass der Maler sie nur am Schnabel herumführen will. Hätten sich aufs Täuschungsspiel halt eingelassen, um sich hinterher vogelmässig über den eingebildeten Maler lustig machen zu können. Wer kann das sagen? Aber davon steht natürlich nichts bei Plinius.

Seit der bis heute nicht vollends geklärten Begegnung der Vögel mit Kunst sind allerdings auch wir etwas vorsichtiger geworden im Umgang mit Bildern, die es auf eine freundliche Einladung abgesehen zu haben scheinen. Man glaubt nicht mehr alles und nicht mehr jedem – auch der Malerin So-Jin Kim nicht, die mit ihren Bildern keineswegs Vögel und Menschen zum Narren halten will. Man muss sich nur eine kleine Weile vor dem „Abendmahl“ besonnen haben, um zu merken, dass da irgendetwas nicht stimmt, irgendetwas sehr künstlich ist.

Zum Beispiel dies: So wie die Malerin den wohl präparierten Tisch gemalt hat, kann sie ihn schlechterdings nicht gesehen haben. Man müsste ja schon am Kronleuchter hängen, um diese Auf- oder Draufsicht auf die Esstafel zu bekommen. Es fehlt diesen Bildern – bei allem Überfluss, von dem sie erzählen –  die räumliche Tiefe, und genau besehen steht kein Teller, keine Schale näher bei einem als eine andere. Wenn ein Spatz, der nie Plinius gelesen hat, auf das „Abendmahl“ zuflöge, dann wäre es, als suchte er sich eine vielen Zielscheiben aus, die das völlig flache, man könnte sagen – planvoll plan konstruierte Bild bereithält.

Tafelbild – hier bekommt das alte Wort eine ganz neue Bedeutung.

Und tatsächlich sehen Sie bei einer anderen Werkgruppe, wie die Malerin die Tischanlage in lauter Kreise überführt. „Abstrakt“ mag man sie nicht nennen, weil sich die Abstraktion immer so überlegen über die Gegenstände dünkt. Das ist gar nicht der Fall. Es ist eher wie ein Klick von einer sinnlichen Kategorie in die andere. Und die Ordnung, die in der einen wie der anderen sinnlichen Kategorie herrscht, ist die des Ornaments.

Ohne das Vorstellungsvermögen allzu strapazieren zu müssen, könnte man sich So-Jins Bilder leicht nach links und rechts und zuweilen auch nach oben und unten fortgesetzt denken. Die Revue der Tänzer oder Tänzerinnen, die Sie in der Ausstellung gesehen haben, ist von Halbfiguren begrenzt, unverkennbar als Ausschnitte beliebig langer Figurenreihen markiert. Und auch die Maskeraden, die Löwentänze focussieren immer nur  auf ein szenisches Detail. In Wahrheit ist die Bühne viel breiter und viel besetzter.

In seiner Anlage hat das Werk etwas vom Band, das sich von der einen oder von der anderen Seite her aufrollt. Ein bisschen ist es auch wie früher, als man noch die Dias seitlich in den Projektor schob. Vielleicht war diese vergessene Kulturtechnik eine sehr angemessene Art, mit Erinnerungsbildern umzugehen, sie Stück für Stück aus der Magazinschachtel zu nehmen und zu ihrer erstaunlichen Projektion an der Wand den Lebensfilm dazu zu erfinden. Vielleicht sind es auf ihre Art alles Erinnerungsbilder, die Bilder der So-Jin Kim. Bilder, die bei der Bild-Erfindung zulassen, dass sich die mitgebrachten, die gespeicherten, magazinierten, die erinnerten Bilder einmischen.

Geradeso konkret gegenständlich wie beim unheiligen „Abendmahl“, zu dem So-Jin Kim uns Jünger und Jüngerinnen lädt. Man meint sie ja förmlich zu schmecken, die feinen Gemüsescheibchen und knackigen Salatblätter, die gebackenen Fische und gerösteten Nüsse – und sieht doch nur feinst abgestimmte Farben, Farbkreise, die dem Bildgrund appliziert sind wie Knöpfe, die auf einen Teppich genäht wurden. Von wegen „guten Appetit“. Auf dem vorangegangenen Bild war der farbige Knopf ein Auge in der fremden Maske, auf dem nächsten verwandelt er sich zum Rad in einem Uhrwerk ähnlichen Kreissystem.

Dass auch Herdplatten rund sind, macht die Malerin So-Jin Kim eben doch nicht zum Fall für die maultüchtige Feinschmeckerjury. Dass manches auf den Bildern des Dirk Sommer ein wenig trunken anmutet, heisst nicht, dass die Kenner Recht haben müssen, wenn sie dem Maler Eignung zum Freizeitsommelier attestieren. Man kann von Malerin und Maler in Wahrheit nur soviel sagen, dass es einen Grund gibt unter ihren Bildern, von denen die Vögel wirklich keine Ahnung, wir zumindest eine schöne Anschauung haben.

Farbenfrohe Bilder voller tanzender, trommelnder, musizierender Gestalten, Masken und Fabelwesen – ist das Korea?
Die Vorstellungen von Korea sind in Deutschland eher diffus: extrem große Städte, viele Menschen auf den Straßen, niemals endende Betriebsamkeit, freundliche Gesichter mit einer für einen Westeuropäer schwer lesbaren Mimik, farbenfrohe Feste, gute Technologien. So-Jin Kim bestätigt dieses Bild: „Wenn ich nach Korea zurückkehre,brauche ich eine Woche, um mich an die Geschwindigkeit zu gewöhnen.“ Sie erklärt, dass es der fehlende Raum für persönlichen Rückzug ist, die Notwendigkeit, sich ständig zu vernetzen, um in dieser schnell wachsenden Wirtschaft seinen Platz zu finden. Es ist eine stark ökonomisierte
Gesellschaft, in der der Mensch – entblößt von seiner Kultur – dem von Amerika ausgehenden Neoliberalismus folgend sich im Markt verortet, ja verorten muss. Die Künstlerin bedauert zutiefst, dass ihr Land viel von der eigenen Identität verloren hat. „Korea akzeptiert schnell eine neue Kultur, und schmeißt die eigene weg.“

Diese Geschwindigkeit scheint So-Jin Kim mitder Entfernung zu Korea hinter sich gelassen zu haben. In einer Werkgruppe ihrer Arbeiten dominiert ein anderes Korea, das des Tanzes. Dafür gibt es einen zentralen Grund: Hier in Deutschland hat die Künstlerin ihren eigenen Rhythmus und Raum gefunden. Hierin fasst sie das Echo ihrer Kultur – es sind Menschen und der Tanz.

Tanz ist ein zentraler Teil der koreanischen Kultur. Zwar gibt es momentan in Korea eine aus Amerika übernommene Hip-Hop-Welle. Dominiert wird der zeitgenössische Tanz in den letzten Jahren von verschiedenen Impulsen des traditionellen Tanzes, der sich in einigen Punkten ganz grundsätzlich vom westlichen Tanz unterscheidet – und vielleicht gerade deshalb auf europäischen Tanzfestivals so erfolgreich ist.

Alle koreanischen Tanzformen greifen auf Tänze zu religiösen Zeremonien zurück, auf schamanische, buddhistische und konfuzianische.

Konfuzianische Rituale werden in der Regel von Reihentänzen begleitet. Sie sind geprägt von minimalen und würdevollen Bewegungen, beispielsweise Verbeugungen.

Buddhistische Tänze, wie ein Schmetterlingstanz, ein Zimbeltanz oder ein Solo-Trommeltanz, wurden aufgeführt um Buddha zu bitten, Seelen in das Nirwana hineinzulassen. Unter dem Buddhismus, der dem Tanz liberaler gegenüberstand als der Konfuzianismus, entwickelte sich der höfische Tanz in langen prachtvollen Gewändern mit eleganten, weichen und gleichmäßigen Bewegungen.

Der Schamanismus ist das ursprüngliche Glaubenssystem Koreas. Seine Bräuche gründen auf dem Glauben an Geister, die es zu beschwichtigen und von denen es Schutz zu erbitten gilt. Aus ihm sind die bis heute im ländlichen Leben verankerten Bauern- und Maskentänze inspiriert. Musik und Tanz dieser Volksmusik leben von der Improvisation. Es gibt keine feste Schrittfolge – ganz im Gegenteil: das Geschick des Tänzers liegt darin, im Tanz so zu erscheinen, als gäbe es gar keine Technik. Im Mittelpunkt steht die natürliche weiche Bewegung, die sich in der Regel im Rhythmus der Atmung entwickelt – durchaus auch mit spontanen akrobatischen Einlagen.

Auf diesen Volkstanz bezieht sich So-Jin Kim in ihrem Werk. Urtümlich, wild lachende Masken – schreitende, hüpfende, trommelnde Gestalten. Noch heute, berichtet So-Jin Kim, tanzen und singen vor allem in ländlichen Regionen die Menschen auf der Straße mit, jeder mit einem anderen Instrument. Tücher an den Armen zeigen das Echo der gerade zuvor vollbrachten Bewegung quasi als sichtbar gewordene Zeit, rhythmisiert durch nur scheinbar gleichförmige Reihungen. Bunte Kreise fliegen durch die Luft, wie das vielfältige Schlagwerkzeug, das in emotionsgeladenen komplexen Rhythmen den Tänzer zu immer neuen Improvisationen anregt. Unmöglich, sich zu entziehen.

So-Jin Kim versteht es meisterhaft, diese urtümliche Kraft des Tanzes in eine eigenständige, pulsierende Musik-Bildwelt zu übertragen. Es ist ein Reigen von ornamental verfremdeter, farbenfroher Wirklichkeit, der auf den Betrachter überspringt. Seine transzendierende Strahlkraft wirkt auch auf die zweite ausgestellte Werkgruppe ´Pantau´. Im Mittelpunkt steht hier ein in elegantem Schwung gegebener Windhund, auf dessen Rücken der Blick der Betrachters gerichtet ist: ein Gefährte des Betrachters, mit dem er durch eine Leine verbunden ist – oder doch ein symbolhaft stilisierter Akteur für eine überaus beredte Fläche? Die Künstlerin verwandelt mit ihren Arbeiten selbst einen regennassen Alltag in eine verzaubernde Vielfalt des Augenblicks.

Mit ihrer Transformation traditioneller Kulturelemente in eine individuell geprägte Weltsicht steht So-Jin Kim in einer aktuell in Korea auch in den Sparten Musik und Tanz zu beobachtenden Tendenz: neue, zumeist westliche Impulse werden mit traditionellen Kunstformen kombiniert zu einem vielschichtigen neuartigen Ausdruck, der für das westliche Auge lesbar und doch einzigartig koreanisch ist.

Der Weg zu diesem sehr eigenen und inspirierenden Ausdruck führt bei der in
Sam-cheok/ Südkorea geborenen Künstlerin So-Jin Kim über ein Buch, dass sie als Jugendliche las.

Eine Frau berichtet darin von ihrem Studium im Deutschland der 70er Jahre – anscheinend ein Deutschland sehr zugewandtes Buch. Für die Künstlerin, die als Kind koreanischen Tanz erlernte und später klassisches Ballett studierte, schuf es ein Traumbild über Deutschland. Ihr Studium europäischer Malerei an der Kwandong Universität in Südkorea gab ihr nicht die gesuchten Einsichten. Seit 8 Jahren ist sie in Deutschland. 2007 hat sie ihr Studium als Meisterschülerin von Prof. Armleder und Prof. Hüppi an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig abgeschlossen.

Als sehr gründlich, sehr langsam und vielleicht etwas konservativ beschreibt sie die deutsche Mentalität, die sie sehr mag. Erstaunlich aus deutscher Sicht, die eine enorm zunehmende Beschleunigung von Zeit diagnostiziert. Verblüffend auch ihr erster Eindruck von Deutschland im Jahr 2000: „Der Kulturschock war am Anfang sehr groß“, sagt sie – schnell missverstanden von einem europazentrierten Ohr. Es geht ihr nicht um die hehre Wirtschaftsnation Deutschland sondern um die Tatsache, dass zur Jahrtausendwende DSL nur eine Abkürzung für Eingeweihte war und mitnichten jeder mit Handy und Headset durch die Straßen lief. Die Künstlerin kennt aus ihrem Land die Folgen, die eine solche Entwicklung haben kann. Sie hat den Kulturwechsel genutzt, um ihre Ruhe zu finden, in der sie sich auf ihre Bilder konzentrieren und ihren eigenen Platz einnehmen kann. Im Spiegel ihrer Arbeiten präsentiert So-Jin Kim uns eine kraftvoll von überbordender Lebensfreude geprägte Welt. Es ist eine Einladung, die Welt jenseits tagtäglich implizierter Sinnzuweisungen als eine Bühne von Augenblicken vielfältigster sinnenübergreifender Schönheit zu erleben.

Auf den ersten Blick sind So-Jin Kims Bilder erfüllt von Bewegung. Man sieht ihre Gestalten musizieren, tanzen oder jonglieren, man meint das Vorher und Nachher der Bewegungen wahrzunehmen und hört geradezu die Musik, die gespielt wird, den Rhythmus der Töne, die klatschenden Hände oder stampfenden Füße. Bewegung ist in den großen Leinwandbilder So-jin Kims primär die synchron koordinierte Bewegung menschlicher Figuren. Zwar bewegt sich auch die einzelne Figur. Was jedoch vor allem den Eindruck von Bewegung erzeugt, ist die repetitive Wiederholung gleicher, genauer fast gleicher, von Figur zu Figur nur leicht modifizierter Formen. In den Anschnitten am Bildrand wird deutlich, dass die Reihe sich fortsetzt. Was wir vor uns haben, ist nur ein Ausschnitt aus einer andauernden, sich vor unseren Augen rhythmisch wiederholenden, scheinbar endlosen Sequenz.

In vielen Bildern unterstützt die Künstlerin die Vorstellung der Bewegung durch abstrakte Elemente, z.B. durch unregelmäßige Muster leuchtender Kreise, die sich über die Bildfläche zu bewegen scheinen wie Regentropfen auf einer Wasserfläche, wie aufblitzende Lichter nächtlicher Scheinwerfer oder wie Töne einer Étude von Chopin. Es entsteht eine eigenartige Korrespondenz zwischen der abstrakten und der figurativen Darstellung von Bewegung. Beide gleichen sich in ihrem repetitiven Charakter, nicht nur die Kreise, auch die Menschen werden zum Ornament.

Was So-jin Kim zeigt, ist immer die Bewegung auf einer Bühne, dargestellte, bewusste Bewegung. Häufig die Bewegung in der Gruppe (in der chorus line, der Revue, im Konzert), eine synchrone, genau eingeübte Handlungssequenz von Individuen, die durch ihre gemeinsame, aufeinander abgestimmte Bewegung Teil der Gruppe werden. Die Aktion der Gruppe ist nicht einfach nur die Addition der Handlungen ihrer einzelnen Individuen; vielmehr entsteht in der Gruppe eine neue, zusätzliche, die Summe der Kräfte der Einzelnen transzendierende Kraft. Sie erfüllt So-jin Kims Bilder als ornamentale Struktur dynamischer Formen und Farben, die über die Bildränder hinausdrängt.

Trotz aller Anonymität gehen So-jin Kims Figuren in ihrer Rolle als Gruppenelemente nicht auf. Aus der Nähe bemerkt man, dass in jeder einzelnen Farbfläche, in jedem Rock, jeder Hose ein geradezu gestisches, wildes Schwelgen von brodelnder Farbmaterie stattfindet. Wo man aus einiger Entfernung vielleicht nur ein sehr dunkles Schwarz-Violett wahrnimmt, erscheinen aus der Nähe geradezu schrille Klänge von Grün und Violett, Blau und Gelb. Auch bemerkt man erst aus der Nähe deutlicher, wie farbig So-jin Kims Hintergründe und die Bodenflächen sind, auf denen sich ihre Figuren bewegen. Die pulsierende Bewegung der zur Gruppe verschränkten Indidviduen und die Dynamik der Farbe vereinigen sich zu  einer synästhetischen Feier aus Farben, Rhythmen und Tönen.